"Ich glaube, unser alter Bebel wird einen Luftsprung machen darüber, dass es uns gelungen ist, in der schwärzesten Ecke Saarabiens einen sozialdemokratischen Verein zu gründen!" So der begeisterte Ausruf eines Gründungsmitgliedes der Neunkircher SPD am 3.März 1907.
Nur drei Jahre später zog man im wesentlich kleineren und beschaulicheren Blieskastel nach: Am 14.8.1910 gründete sich der "Sozialdemokratische Verein für Blieskastel und Umgebung". Immerhin bedurfte es damit einer Zeitspanne von über 40 Jahren nach der Gründung der ersten sozialdemokratischen Vereinigung, bis die neuen Ideen auch im bislang weitgehend konservativen ländlichen Raum an der Saar angekommen waren.
Werfen wir zunächst einen Blick in die Vergangenheit:
Nach dem Scheitern des bürgerlich-demokratischen Revolutionversuches von 1848 hatte sich das Bürgertum mit den alten Mächten arrangiert. Von dieser Seite war also keine Besserung der Lage der arbeitenden Klassen zu erwarten. Die in Folge der Industrialisierung der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts immer unerträglicher gewordene soziale Lage der arbeitenden Menschen hatte Ausmaße angenommen, die sich ein heutiger Zeitgenosse kaum noch vorstellen kann. Arbeitstage mit 14 und 16 Stunden waren an der Tagesordnung. Das massenhafte Angebot an Arbeitskräften, die vom Land in die Städte zogen, ließ die Löhne auf ein äußerstes Minimum sinken, so dass Frauen- und Kinderarbeit - freilich noch schlechter bezahlt als die der männlichen Arbeiter - zum Überleben der Familien beitragen mussten. Elende Wohnquartiere, in denen Krankheiten und Seuchen herrschten, dazu die beständige Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren schufen ein Klima der Verzweiflung, das bereits in den
1840er Jahren zu erbitterten Aufständen führte. Schilderungen von Zeitgenossen geben ein beredtes Bild der unerträglichen Lage (am bekanntesten ist wohl der Schlesische Weberaufstand von 1844, der engagierte Künstler wie Heinrich Heine, Gerhart Hauptmann oder Käthe Kollwitz zu noch heute aufrüttelnden Werken veranlasste). Diese weitgehend unorganisert und spontan entstandenen Aufstände wurden, wie schon so oft in der deutschen Geschichte, mit militärischer Gewalt brutal niedergeschlagen.
"Das ist doch alles noch halbes Dösen und bei den meisten blindes Umhertappen", schrieb ein damals 24-jähriger reicher Fabrikantensohn aus Barmen an seinen zwei Jahre älteren Freund, den Journalisten Dr. Karl Marx aus Trier. Der Leser ahnt es wohl: Bei dem Absender handelt es sich um Friedrich Engels! Mit dieser Freundschaft begann für die Weltpolitik ein neues Zeitalter. Die beiden Urväter der sozialistischen Bewegung setzten sich ihr ganzes Leben lang für die Organisierung und wissenschaftliche Grundierung der Arbeiterbewegung ein.
Das theoretisch-praktische Gründungsdokument entstand bereits im Revolutionsjahr 1848 und hat seine Aktualität bis heute nicht verloren, will doch beispielsweise der prominente Politiker Oskar Lafontaine zentrale Passagen des "Kommunistischen Manifests" zurecht in das Bundesprogramm der Partei DIE LINKE eingefügt sehen!
Mit dem Fanal: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" hatte die Geburtsstunde der sozialistischen Arbeiterbewegung geschlagen.
Was war neu? Gab es doch im Laufe der Geschichte viele Entwürfe für eine menschlichere Gesellschaft!
Den "wissenschaftlichen Sozialismus" unterscheidet vom rein "utopischen Sozialismus" zunächst einmal der Ansatz, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und nicht als blind wütendes "Schicksal" über sie hereinbricht. Wenn dem so ist, kann Geschichte auch gestaltet werden, wozu es freilich der Organistion der "handelnden Subjekte" bedarf. Dass die Herrschenden das seit Urzeiten genauestens verstanden haben, zeigt der Blick in die Geschichte. Dass das aber auch "von unten" geschehen kann, war neu und für das Selbstverständnis der Bewegung von außerordentlicher Bedeutung.
Was sind die Antriebskräfte der Entwicklung? Diese Frage wird von Marx/Engels sehr einleuchtend, da grundlegend und einfach beantwortet: Es ist die Reproduktion der materiellen Existenz. Menschen müssen sich als soziale Wesen zusammenschließen, um ihren Fortbestand als Gattung wie auch als Individuen sicher zu stellen. Insofern tritt immer wieder das Primat der Arbeit bzw. Ökonomie auf, d.h. der Produktion der materiellen Güter unter den technisch jeweils verfügbaren Produktionsverhältnissen.
Da der Kapitalismus bereits im 19.Jahrhundert ein übernationales Phänomen war, muss die Organisation der Gegenkräfte selbstverständlich ebenfalls über die nationalen Grenzen hinweg gestaltet werden. Im gegenwärtigen Zeitalter der "Globalisierung" muss dieser Ansatz umso mehr überzeugen.
Dass diese Gedanken und Erkenntnisse innerhalb von wenigen Jahren massenhafte Verbreitung fanden, ist ein deutliches Indiz für ihre Stichhaltigkeit.
Bereits im Jahre 1863 gründete sich der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" unter der Führung von Ferdinand Lasalle. Lassalle starb am 31.8.1864.
Am 28.9.1864 entstand in London die "Erste Sozialistische Internationale", für die Karl Marx die "Allgemeinen Statuten" verfasste ("dass alle Gesellschaften und Individuen, die sich ihr anschließen, Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit anerkennen als die Regel ihres Verhaltens zueinander und zu allen Menschen, ohne Rücksicht auf Farbe, Glauben oder Nationalität").
Im August 1869 erfolgte die Gründung der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" in Eisenach unter der Führung von August Bebel, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und sich allein aus eigener Kraft zu einem legendären politischen und intellektuellen Führer der Arbeiterbewegung hochgearbeitet hatte. Sein engster Kampfgefährte war Wilhelm Liebknecht, der Vater des 1919 ermordeten, nicht weniger bekannten Karl Liebknecht.
Nach der Reichsgründung 1871 sollte auch die sozialistische Bewegung im Sinne einer schlagkräftigen Gegenkraft geeint werden. Im Mai 1875 tagte der Vereinigungsparteitag der beiden Organisationen und am 27. desselben Monats war die "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" geboren. Die enorme Wirkung dieser Bündelung der Kräfte zeigen die Wahlergebnisse der Zeit: Bei den Wahlen 1871 hatte die Bewegung 102000 Stimmen, zwei Jahre nach der Vereinigung hatte sich die Stimmenanzahl fast verfünffacht! (493000 Stimmen). Und das alles bei einem keineswegs fairen Wahlsystem.
Der Siegeszug der geeinten Arbeiterbewegung schien unaufhaltsam!
Es folgte die Periode von "Zuckerbrot und Peitsche". Bismarcks Sozialreformen und das Sozialistengesetz.
Der unaufhaltsam aufsteigenden revolutionären Sozialdemokratie sollte durch eine politische Doppelstrategie der Nährboden entzogen werden. Durch für damalige Verhältnisse äußerst fortschrittliche Sozialgesetze, die Kranken-, Unfall-, Rentenversicherung, später auch Arbeitsschutzvorschriften umfassten, sollte das Vertrauen in die "Güte" und das "Verantwortungsbewusstsein" der staatlichen Obrigkeit geschaffen werden. Immerhin entstanden dabei die Anfänge eines modernen Sozialstaates, dessen Grundlagen bis heute Gültigkeit haben. Die Allgemeine Ortskrankenkasse und die Berufsgenossenschaften z.B. existieren immer noch!
Wer sich diesem "Vertrauen" als "nicht würdig" erwies und weiterhin hartnäckig an den "gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" festhielt, wurde mit schärfsten polizeistaatlichen Verfolgungen bestraft. Die Auswirkungen des "Sozialistengesetzes" kamen einem Parteiverbot gleich, die Anhänger der Bewegung wurden im Grunde Verbrechern und "Vaterlandsverrätern" gleichgesetzt, was für das Verhalten der Sozialdemokratie während des 1.Weltkrieges nicht ohne Folgen bleiben sollte!
Bitterste Ironie der Geschichte: Etwas mehr als hundert Jahre später sollten ausgerechnet unter der Führung eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers (Gerhard Schröder) und eines prominenten saarländischen Sozialdemokraten (Peter Hartz) wesentliche Grundsätze des solidarischen Sozialstaates aufgekündigt werden!
Nichtsdestotrotz: Als Bilanz der Geschichte muss festgehalten werden, dass Bismarcks Politik gründlich scheiterte. Mehr und mehr klassenbewusste ArbeiterInnen durchschauten die Strategie. Bei den Wahlen am 20.2.1890 erhielten die Sozialdemokraten fast eineinhalb Millionen Stimmen.
Die Partei der Arbeiterklasse war zur stärksten Partei im deutschen Reichsgebiet geworden!
Werfen wir nun einen genaueren Blick auf unsere saarländische Region:
Während christlich-religiöse Arbeitervereinigungen bereits in den 1850er Jahren nicht nur geduldet, sondern auch gefördert wurden (man erinnere sich an Marianne von der Leyens "Lehrplan": "bethen und christliche lehr"!), hatten es freie, geschweige denn sozialdemokratische bzw. sozialistische Vereinigungen äußerst schwer. Der Übergang in unsrer weitgehend ländlich und katholisch geprägten Region vom "landesherrlichen" Absolutismus zum "selbstherrlichen" Hochkapitalismus der Industriebarone erfolgte nahezu bruchlos. Namen wie Röchling und Stumm sind noch heute über das Saarland hinaus geläufige Begriffe.
Gerade letzterer Carl Ferdinand Freiherr von Stumm gründete 1877 den "Verein zur Bekämpfung der Sozialdemokratischen Bewegung". Wer im Verdacht sozialdemokratischer Gesinnung stand, hatte bei ihm und seinen "Vereinsmitgliedern" keine Chance mehr. Es wurden systematisch "schwarze Listen" angelegt, die es keinem Genossen und keiner Genossin mehr ermöglichten, irgendwo in der Region Arbeit zu finden. Wohlverhalten hingegen wurde nach "Gutsherrenart" mit sozialen Vergünstigungen belohnt. Auf Grund dieser absolut feudalen Verhältnisse prägte sich auch der eingangs erwähnte Begriff "Saarabien".
Welchen Mutes es bedurfte, unter solchen Bedingungen für seine Überzeugungen und Interessen einzutreten, kann man heute wohl kaum noch ermessen. Den "einfachen" Heldinnen und Helden der sozialistischen Bewegung muss uns Nachgeborenen, die von deren unerschrockenem Kampf täglich profitieren, größter menschlicher Respekt gelten!
Ein solcher mutiger Mann war mit Sicherheit der Schuhfabrikarbeiter und spätere Ortsvorsitzende Hermann Ringle (1881-1957), der als Mitbegründer des SPD-Ortsvereins Blieskastel und des lokalen Arbeitergesangvereins in die Geschichte eingegangen ist.
Sein Beruf weist auf die entscheidenden Einflüsse hin, die die Parteigründung ermöglichten.
Die Gründung einer prosperierenden Schuhfabrik in Blieskastel in den 1890er Jahren rief wohl die bereits gut organisierten Pirmasenser und Zweibrücker Genossen auf den Plan. Bereits 1891 wird von Vorbereitungen für eine Veranstaltung der SPD berichtet, die mehrfach verschoben werden musste, weil sie immer wieder ohne Angabe von Gründen verboten wurde (u.a. wurden auch "die betreffenden Wirthe auf die etwaigen Folgen, die Schande für das kleine Blieskastel und dergleichen aufmerksam" gemacht). Schließlich fand endlich doch im Jahr 1897 eine "Öffentliche Versammlung der Schuhmacher in Blieskastel" statt.
Von einer öffentlichen Versammlung des Katholischen Bergarbeiterverbandes im August des Jahres 1910 im Blieskasteler "Gasthaus Schwalb" wird berichtet, dass der den opportunistischen und arbeitnehmerfeindlichen Kurs der christlichen Gewerkschaft scharf angreifende Genosse Ringle mit "Rauswurf" bedroht wurde und die Versammlung nahezu im Chaos endete.
Selbst nach der Gründung des "Sozialdemokratischen Vereins für Blieskastel und Umgebung"
im selben Monat waren die Schwierigkeiten noch lange nicht überwunden: Anlässlich einer geplanten Versammlung in Lautzkirchen berichtet die "Westpfälzische Zeitung" aus St.Ingbert: "Es ist dies überhaupt das erste Mal, dass sich die Roten in das ganz katholische Lautzkirchen wagen...(Man solle) den Sozzen sagen, dass sie in Lautzkirchen nichts zu suchen haben."
Was hat wohl den "anständigen" Bürger über die Roten so empört?
Werfen wir einen Blick auf kommunalpolitische Vorstellungen anlässlich der bevorstehenden Gemeinderatswahlen für das Jahr 1914:
"Aufgaben für die Gemeinden...(seien) die Wohnungsfrage, Kontrolle des Mietpreises, Bau von Arbeiterwohnungen in eigener Regie, Armenpflege, Arbeitslosenfrage..., Nahrungsmittelversorgung, vor allen Dingen das Schulwesen, Lehrmittelfreiheit, Schulärzte, Kunst und Bildung."
Der unbefangene Leser wird sich spätestens jetzt die Augen reiben und sich fragen, wieso ihm das möglicherweise heute noch alles so bekannt vorkommt! Sind das Forderungen, die nur von "Ewig-Gestrigen" noch erhoben werden? Oder ist es vielleicht umgekehrt, dass nämlich ein "gestriges" System "den gemeinen Mann und die gemeine Frau" immer noch vor ähnliche Probleme stellt wie vor hundert Jahren??!!
Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges!
Nicht nur für die am Krieg beteiligten Völker Europas begann eine entsetzliche Zeit des Leidens. Auch für die sozialistische Arbeiterbewegung schlug die Stunde der Entscheidung: Sollte man dem alten Kampfruf "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" treu bleiben oder wollte man lieber den "Beweis" antreten, dass sich die einstigen "Vaterlandsverräter" nun "in der Stunde der Bewährung" als "treue Söhne Deutschlands" beweisen würden:
"Wir vaterlandslosen Gesellen wissen, dass wir, wenn auch Stiefkinder, doch Kinder Deutschlands sind und dass wir unser Vaterland gegen die Reaktion erkämpfen müssen."
Der geschichtsbewusste Leser kennt die Entscheidung!
Es kam zur folgenschweren Spaltung der innerhalb weniger Jahrzehnte so erfolgreich gewordenen sozialistischen Bewegung: Die Mehrheit der SPD beharrte auf einem "nationalen Kurs".
Andere, leider viel zu wenige, blieben ihren internationalistischen, antikapitalistischen und antiimperialistischen Vorstellungen treu:
Vom 6.-8.4.1917 gründete sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD).
Am 31.12.1918 entstand aus dem "Spartakusbund", nicht zuletzt unter dem Eindruck der Russischen Oktoberrevolution, die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD).
Mit diesen weltgeschichtlichen Ereignissen beginnt ein neuer Abschnitt!
Darüber wird das nächste Kapitel unserer historischen Seite Auskunft geben.
Nachbetrachtung: Sieg und Niederlage zugleich!
Die Niederlage des 1.Weltkrieges brachte die lange umkämpfte erste deutsche Demokratie. Die Sozialdemokratie stellte sogar den ersten Reichspräsidenten: Friedrich Ebert. Die Revolution von 1918 erfüllte wichtige Forderungen der sozialistischen Bewegung: Achtstundentag; Arbeitnehmerorganisationen als anerkannte Tarifpartner; das allgemeine, freie, gleiche und geheime (und natürlich auch Frauen-)Wahlrecht.
In Blieskastel wurde die SPD bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 19.1.1919 zweitstärkste Partei und der mutige Genosse Hermann Ringle zog als erster Sozialdemokrat in den Blieskasteler Stadtrat ein.
An den wirtschaftlichen Macht- und Besitzverhältnissen hatte sich freilich nichts geändert! Die Kämpfe im neu entstandenen "Saar-Gebiet" und im Deutschen Reich sollten dies bald sehr deutlich machen!
Quellen der Darstellung:
Willi Eichler: 100 Jahre Sozialdemokratie
Patrik von zur Mühlen: Schlagt Hitler an der Saar
Bernt Engelmann: Wir Untertanen
Karl Marx/Friedrich Engels: Werke
Saarpfalz: Blätter für Geschichte und Volkskunde, insbesondere Nr 2003/2
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