"Es war ein unstetes Leben, das die Flüchtlinge führten. Ohne Heimat, vielfach ohne Erwerb, fern von den Angehörigen, immer eine ungewisse Zukunft vor Augen, erfüllt von der Leidenschaft ihrer politischen Ziele oder resigniert, lebten sie dahin. Nur die Hoffnung auf einen baldigen Umsturz, durch den sie, die Märtyrer der Freiheit, wieder gefeiert und alles Schwere ihres Exils vergessen würden, hielt sie vielfach aufrecht."
(Paul Neitzke, 1925)
Nachdem die Französische Revolution an ihrem eigenen blutigen Terror erstickt war, Napoleons imperiale Politik gescheitert war, sollten auch die letzten Reste einer in dieser Phase etablierten zivilgesellschaftlichen Modernisierung ausgelöscht werden.
Die ehemals Herrschenden einigten sich beim "Wiener Kongress" 1815 auf eine umfassende Restaurationspolitik. Der "Deutsche (Fürsten-) Bund" wollte die Rückkehr zur vorrevolutionären "guten alten Zeit". Bekräftigt wurde dieses Ansinnen durch die Gründung der "Heiligen Allianz", einem Zusammenschluss der reaktionärsten politischen Mächte unter Führung von Russland, Österreich und Preußen. Die "Karlsbader Beschlüsse" von 1819 bildeten dazu sozusagen die polizeistaatlichen Ausführungsbestimmungen, durch die sämtlichen "Demagogen" und "Demokraten" ein für allemal das Handwerk gelegt werden sollte. Im Gebiet des ehemals deutschen Reiches sollte endlich mal wieder Friedhofsruhe einkehren.
Nur hatte man nicht mit den in den "Befreiungskriegen" begeistert für die nationale Einheit kämpfenden, nun ihr Recht auf nationale Souveränität, persönliche Freiheit und demokratische Verfasstheit eintretenden Bürgern gerechnet. Das Rad der Geschichte ließ sich nicht mehr so einfach zurückdrehen.
1832 versammelten sich, als Volksfest getarnt um den Zensurbestimmungen zu entgehen, um die 30000 Studenten, Professoren, Handwerker, Bauern und Freiheitskämpfer europäischer Nationen im heutigen Neustadt an der Weinstraße zum Hambacher Fest.
Sie forderten eine föderative deutsche Republik, den Zusammenschluss der demokratischen Kräfte Deutschlands und Frankreichs (besondere Sympathie galt dabei den um ihre nationale Souveränität kämpfenden Mitstreitern aus Polen und Griechenland).
Die Reaktion der Obrigkeit ließ nicht lange auf sich warten: Sofort wurde die Pressezensur verschärft, Rede- und Versammlungsfreiheit wurden umgehend aufgehoben, verboten wurde natürlich auch das Tragen des schwarz-rot-goldenen Abzeichens. Ein umfassendes Spitzelsystem wurde etabliert, Verhaftungen der "Aufrührer" waren an der Tagesordnung.
Als dann der als Fanal zum bewaffneten Aufstand gedachte Sturm auf die Frankfurter (Polizei-) Hauptwache an der Übermacht des anrückenden Militärs scheiterte, war die Erhebung vorerst gescheitert. Vielen blieb nur die Flucht ins benachbarte Frankreich.
Die Herrschenden hatten sich immerhin für eineinhalb Jahrzehnte wieder Ruhe verschafft.
Bis 1837 eine unerhörte Provokation den Unmut erneut entfachte: König Ernst August (der Name hat bis heute eine bemerkenswerte Aktualität!) von Hannover widerrief kurzerhand die von ihm drei Jahre zuvor dem Land gewährte Verfassung und jagte die dagegen protestierenden Göttinger Sieben Professoren (unter ihnen die berühmten Brüder Grimm) mit der Bemerkung aus dem Amt: "Professoren, Huren und Balletttänzerinnen kann man überall für Geld haben"!!
Als dann erneut im Jahr 1848 das Fanal der Revolution aus Frankreich auch nach Deutschland herüberschwappte, gab es kein Halten mehr. Aufstände in ganz Deutschland waren die Folge, die Paulskirchenversammlung in Frankfurt als erste direkt gewählte Volkstretung trat zusammen. Im Mai 1849 wurde die Unabhängige Republik Pfalz in Kaiserslautern proklamiert, die sich vom Königreich Bayern lossagte.
Die Forderungen glichen denen von 1832:
- Freie Wahlen für ein gesamtdeutsches Parlament
- Geschworenengerichte
- Pressefreiheit
- Volksbewaffnung.
Wen wundert´s, dass diese Erhebungen militärisch brutal niedergeschlagen wurden: Es folgten Inhaftierungen und standrechtliche Erschießungen. Mehr als eine halbe Million Menschen mussten damals Deutschland verlassen! Viele davon für immer in Richtung Amerika, da sie auf absehbare Zeit für Europa keine demokratische Zukunft mehr sahen.
Namen wie die Zweibrücker Rechtsanwälte Christian und August Culmann (Verteidiger im Prozess gegen die Redner des Hambacher Festes) und Friedrich Schüler, der zur äußersten Paulskirchenlinken, dem "Clubb Donnersberg", gehörte und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, zeigen beispielhaft den Verlauf der gescheiterten deutschen Demokratiebewegung: Auf politisches Engangement Anfang der 1830er Jahre folgte die Emigration (inder Regel ins liberalere Frankreich), erneutes politisches Engagement bis zur 48er Revolution endete mit Tod, Kerker, Flucht und oftmals kompletter politischer Resignation.
Auch Philipp Jakob Siebenpfeiffer, zunächst Landrat in Homburg, der Organisator und Eröffnungsredner des Hambacher Festes war und 1832 den "Preß- und Vaterlandsverein" gegründet hatte, dessen noch heute alljährlich gedacht wird (s. SZ vom 11.1.08), musste nach der Flucht aus dem Gefängnis 1833, zu dem ihm interessanterweise ein späterer Weggefährte von Karl Marx und Friedrich Engels verholfen hatte, Deutschland verlassen. Er emigrierte nach Frankreich und erhielt schließlich eine Professur in der Schweiz, wo er politisch resignierte.
Ein ähnliches Schicksal erlitt sein Weggefährte, der Journalist Johann Georg August Wirth, der mehrfach inhaftiert wurde (u.a. in Kaiserslautern und Zweibrücken), ins französische Exil fliehen musste und als Abgeordneter der Nationalversammlung auf Grund seines frühen Todes 1848 das Scheitern der demokratischen Bewegung nicht mehr miterleben musste.
Ein weiterer Mitstreiter Siebenpfeiffers, Michael Roth, 1811 in Homburg geboren, folgte ihm 1834 in die Schweiz, wurde nach Frankreich abgeschoben, emigrierte schließlich in die USA, da er in Europa für sich keine Perspektiven mehr sah.
Für unsere unmittelbare Region sei namentlich folgenden weithin unbekannten Helden der demokratischen Bewegung ein Erinnerungsdenkmal gesetzt:
Dem Gastwirt Franz Karl König aus Blieskastel, der als Delegierter seines Heimatortes für die Unabhängigkeit der Pfalz (zu der Blieskastel damals gehörte) stimmte und dafür zum Tode verurteilt wurde. Durch die Flucht ins nahe Saargemünd konnte er sein Leben retten.
Ähnlich erging es Konrad Kötz aus Limbach, auch er hatte sich für die Unabhängigkeit der Pfalz eingesetzt, musste fliehen und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Fazit:
Der nach dem Bauernkrieg zweite große Versuch zur Schaffung einer einheitlichen demokratischen deutschen Republik war am Widerstand und der Übermacht der alten Mächte gründlich gescheitert. In der Folge arrangierte sich die überwiegende Mehrheit des Bürgertums mit den herrschenden Mächten. Die Staatsgründung von oben 1871 (mit dem für Frankreich bewusst erniedrigenden "Friedensschluss" in Versailles) und der aggressive Imperialismus des deutschen Kaiserreiches mündeten unmittelbar in die Katastrophe des 1.Weltkrieges.
In der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts entwickelte sich einzig die erstarkende sozialistische Arbeiterbewegung zur friedens- und zukunftsfähigen Kraft im Sinne des Appells von 1848:
"Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
Welche Chancen ein demokratisches Deutschland gehabt hätte, wird in der Grußadresse der elsässischen "société des amis du peuple" anlässlich des Hambacher Festes deutlich:
"Frankreich will eine Verbindung mit Deutschland, eine offene redliche Verbindung, mit welcher auf immer fallen müssen die Schranken, welche die Könige zwischen uns aufgerichtet haben, zu unserem Unglück und dem eurigen."
Wieviel Not und Elend hätten dem "gemeinen französischen und deutschen Mann und der gemeinen französischen und deutschen Frau" angesichts der mörderischen Schlachten des 20.Jahrhunderts erspart werden können, wenn diese historische Chance ergriffen worden wäre!!
Quellen der Darstellung:
Martin Baus, Die deutsch-französische Grenze als Fluchtpunkt der verfolgten pfälzischen
Demokraten im 19.Jahrhundert (Saarpfalz, Blätter für Geschichte und Volkskunde 04/97)
Bernt Engelmann, Wir Untertanen
Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei
Saarbrücker Zeitung vom 11.1.2008
Internetrecherchen, insbesondere zu erwähnen die Seite der Siebenpfeiffer-Stiftung
www.siebenpfeiffer-stiftung.de
sowie die Dauerausstellung im Foyer des Landratsamtes Homburg
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