Rock`n`Roll und "Kritische Theorie", Karl Marx und Coca-Cola, "Freie Liebe" und Marihuana und über allem der existentielle Wunsch nach einem selbstbestimmten, freien Leben! War es das, was die Engagierten der heute so genannten "68er"-Generation umtrieb?
Welches kulturrevolutionäre Potential aus dieser ungemein brisanten Gemengelage gesellschaftlicher Grunderfahrungen angesammelt und wie es zur kurzzeitigen "Explosion" im legendären Mai 1968 kommen konnte, welche politischen Konsequenzen für eine neue LINKE des 21.Jahrhunderts gezogen werden können, darauf will der folgende Beitrag eingehen.
Zunächst zu den Wurzeln der Bewegung in den USA:
Bereits in den späten 50er Jahren trat das "Civil Rights Movement" unter Führung von Martin Luther King mit spektakulären friedlichen Aktionsformen hervor, um die verfassungsmäßig garantierten Rechte der schwarzen Bevölkerung in den USA auch in der Praxis einzufordern. M. L. Kings Rede "I have a dream" ging als Fanal um die Welt.
Gleichzeitig forderten junge Weiße das Recht auf "Free Speech" (die "freie Rede") als urdemokratisches Recht an amerikanischen Universitäten. Die atomare Bedrohung des "Kalten Krieges" ließ indes, staatlicherseits extrem verharmlost (Fernsehkampagnen a la "Duck and Cover"), viele an der Vertrauenswürdigkeit der staatlichen Informationspolitik zweifeln.
Hinzu kam eine Spielart des aus Frankreich importierten Existentialismus der "Beatniks" um bedeutende Autoren wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg, die schon länger den traditionellen "American Way of Life" aufgekündigt hatten. Die neu entstehende Gegenkultur der "Love and Peace"-Generation mit ihrem Slogan "Sex and Drugs and Rock´n´Roll" wurde nicht unwesentlich aus diesen Quellen gespeist und fand ihr legendäres Zentrum in San Fransisco. Die Musik mit ihren gefeierten Interpreten Jimi Hendrix, The Doors, Jefferson Airplane und den Rolling Stones wurde zur wichtigsten Kommunikationsträgerin des neuen Bewusstseins.
Der sich um 1965 massiv verschärfende Vietnam-Krieg, dessen Opfer in erster Linie die schwarze und weiße Unterschicht zu tragen hatten, tat ein übriges. Der allgemeine gesellschaftliche Konsens, "in God´s Own Country" zu leben, wurde mehr und mehr brüchig. Als sich der schwarze Widerstand in Gestalt von "Black Power" und der "Black Panther Party" in militanter Form zu formieren begann, war eine neue Stufe der Bewegung erreicht.
In der Bundesrepublik Deutschland war die Lage auf Grund der geschichtlichen Situation natürlich eine andere:
Die Phase des unmittelbaren Wiederaufbaus und der "Wirtschaftswunderjahre" war vorbei, die junge Generation stellte mehr und mehr Fragen nach der Beteiligung der Eltern an den Verbrechen der Nazizeit. Erschwerend kam hinzu die skandalöse personelle Kontinuität von ehemaligen Nazi-Polit-, Wirtschafts- und Kultureliten. Der Protest richtete sich v.a. "gegen die Schuld der Väter und die falschen Autoritäten, die von Pflicht und Anstand sprachen und doch so unglaubwürdig erschienen" (N. Frei).
Während die anarchistischen Happenings der "Subversiven Aktion" in der Schwabinger Boheme der frühen 60er Jahre noch eher lustvoll arrangiert waren, bestand seit den 50er Jahren eine ernst zu nehmende politische Kraft in der "Anti-Atom-Tod"-Bewegung, die ihre bis heute aktuelle Ausdrucksform in den "Ostermärschen" findet. Der Kampf gegen die "Notstandsgesetze" und die autoritären Strukturen in Gesellschaft und Familie, nicht zuletzt auch die "Spiegel-Affäre" von 1962 ließen ein Gefühl der "Demokratie vor dem Notstand" (Name eines Kongresses in Bonn von 1965) entstehen. Als sich die beiden großen politischen Lager CDU/CSU und SPD 1966 gar noch zur Großen Koalition zusammenschlossen, schlug die Geburtsstunde der APO (außerparlamentarische Opposition).
Der 2.Juni 1967 wurde schließlich zum Fanal des Aufstandes: Im Laufe einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien wurde der Student Benno Ohnesorg von Polizeikugeln tödlich getroffen. Ein Sturm der Entrüstung tobte durch die oppositionelle Bewegung ("Heute Ohnesorg, morgen wir!") und schien alle Befürchtungen eines nun seine Maske ablegenden "latent faschistischen" westdeutchen Staates zu bestätigen.
Weitere Zeitereignisse taten ihr übriges: Che Guevara wurde im Oktober 1967 in Bolivien ermordet. Der Vietnam-Krieg zeigte als erster medienvermittelter Krieg, dessen grausame Bilder zur besten Sendezeit in jedem Wohnzimmer vor dem Fernseher zu verfolgen waren, dass der Propaganda, in Südostasien würden die Ideale von Freiheit und Demokratie verteidigt, nicht mehr zu glauben war. Als dann noch die Nachrichten von der Ermordung Martin Luther Kings am 4.4.1968 und das Attentat auf den legendären Studentenführer Rudi Dutschke, ausgeführt von einem durch die Springer-Presse aufgestachelten jungen NPD-Anhänger, bekannt wurden, eskalierte die Situation. Es kam zu gewalttätigen Protesten nahezu weltweit (das Jahr 1968 zählte Studentenunruhen und -proteste in 56 Ländern!). In Frankreich wäre angesichts der Tatsache, dass sich auch große Teile der Arbeiterschaft mit den Revoltierenden solidarisierten, fast die Fünfte Republik unter Pompidou und de Gaulles zusammengebrochen. Blutige Aufstände erschütterten die Schwarzenghettos amerikanischer Großstädte. Auch im sowjetischen Machtbereich hatte es zu gären begonnen, insbesondere auf den "Prager Frühling" wird noch einzugehen sein.
Aber so radikal und vehement der Aufstand eskalierte und zur weltweiten Krise der Staaten zu werden schien, so schnell brach er noch im selben Jahr in sich zusammen. Die "Revolutionäre" hatten die Situation überschätzt, die "Weltrevolution" hatte eben nicht auf der Agenda der Geschichte gestanden! Stattdessen machten sich viele auf den "Marsch durch die Insitutionen". Einige, wie der ehemalige deutsche Außenminister Josef Fischer, schafften es sogar in höchste Staatsämter.
Bleibt die Frage der Bilanz:
Die Erhebung der zumeist "aus gutem Hause" stammenden Bürgerkinder war in ihrer großen Zielsetzung, den "neuen Menschen" in einer gerechten und idealen Welt zu erschaffen, zweifelsohne gescheitert.
Der kulturrevolutionäre Effekt, die führenden Staaten des Westens über ihre formal demokratische Verfasstheit auch "innerlich", d.h. zivilgesellschaftlich zu erneuern, kann allerdings als in Ansätzen gelungen bezeichnet werden: davon zeugen die bis heute lebendigen neuen bzw.
erneuerten sozialen Bewegungen wie die Frauen-, die Friedens-, die Ökologie- und die Menschenrechtsbewegungen mit politischem Anspruch schlechthin!
Nachbetrachtung:
Welche Chancen bestehen für einen "aufgeklärten" Sozialismus im 21.Jahrhundert?
Die große Hoffnung des "Prager Frühlings", in der Tschechoslowakei einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu errichten, wurde zwar von sowjetischen Panzern brutal niedergewalzt. Dass der dafür verantwortliche bürokratische Staatssozialismus allerdings an seiner eigenen Unbeweglichkeit erstickt ist, gibt den Worten von Alexander Dubcek vom Mai 1968 eine neue und visionäre Ausstrahlungskraft:
"Unser Programm gründet auf der Überzeugung, dass der Mensch und die Menschheit nicht nur dazu imstande sind, die Welt zu erforschen, sondern auch, sie zu verändern"!
Über 50 Jahre zuvor beschwor bereits die legendäre Sozialistin Rosa Luxemburg, Friedrich Engels zitierend, die menschheitsgeschichtliche Alternative:
"Die bürgerliche Gesellschaft steht vor dem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei."
Wer vermag dem angesichts der im 21.Jahrhundert sich global abzeichnenden Katastrophen zu widersprechen!!
Lektüreempfehlung zum Weiterlesen:
Rudi Dutschke, Jeder hat sein Leben ganz zu leben (Tagebücher 1963-1979)
Uwe Timm, Der Freund und der Fremde (zur Freundschaft mit Benno Ohnesorg)
Norbert Frei, 1968 - Jugendrevolte und globaler Protest