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4. Februar 2008

"Volks-Gräfin" oder absolutistische Landesherrin?

Noch heute begeistert jeden Besucher das nahezu geschlossene Barockensemble der historischen Altstadt von Blieskastel. Mit Recht sind die Bürgerinnen und Bürger der Bliesgaumetropole stolz auf dieses historische Kleinod und haben allen Grund dies zu pflegen und zu bewahren.In einer nur knapp zwanzigjährigen Residenzzeit wurde aus einem über die Jahrhunderte vergessenen Provinzstädtchen eine vorzeigbare Residenz des Spätbarock.

Erinnern wir uns: Der 30-jährige Krieg hatte einen "Flickenteppich" hunderter deutscher Klein- und Kleinststaaten hinterlassen, in dem die Monarchen dem großen Vorbild des französischen Königs nachstrebten: "Der Staat bin ich!"

Der Absolutismus mit seinen oftmals kleinsten "absoluten" Herrschern war geboren und bedurfte entsprechender Repräsentation. (In diesem Zusammenhang sei auch an das gigantische Schlossprojekt "Karlsberg" in Homburg erinnert!)

So geriet auch die Bautätigkeit in Blieskastel zu größter Blüte, wollte man den Nachbarprovinzen doch in nichts nachstehen. Kunst und Kultur wurden gepflegt, die allgemeine Schulpflicht eingeführt, ein Waisenhaus eingerichtet, sogar aus der Leibeigenschaft konnte man sich freikaufen! 

Der unbefangene Beobachter wird sich angesichts der heute kaum noch vorstellbaren Anstrengungen fragen, wie so etwas damals, unter viel bescheideneren technischen und ökonomischen Möglichkeiten, überhaupt möglich war. Und er wird sich eingestehen müssen, dass mal wieder der "gemeine Mann und die gemeine Frau" gefragt waren. Allein schon die Tatsache, dass Ströme von Schweiß und Tränen geflossen sein müssen, macht es uns Nachkommenden zur Pflicht die Leistungen unsrer Vorfahren zu würdigen, indem wir sie erhalten.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Nutznießer dieser Anstrengungen in der Regel mit höchsten Privilegien, sprich z.B. Steuerfreiheit, ausgestattet waren, während die "unteren" Volksschichten die volle Last zu tragen hatten. Kam es dann einmal zu "Zusammenrottungen", ließ man die Untertanen auf gräflichen Befehl durchaus auch einmal verprügeln. So geschehen in Blieskastel am 19.2.1778.

In diesem Zusammenhang sei auch darauf verwiesen, dass die Ablösung aus der Leibeigenschaft natürlich nicht umsonst war. Hohe jährliche Ablösesummen mussten gezahlt werden, die der Herrschaft natürlich ein einträgliches Einkommen sichern sollten. Die Bitte, weiterhin leibeigen bleiben zu dürfen, dürfte daher weniger dem Vertrauen auf die "herrschaftliche Huld" geschuldet gewesen sein als der blanken Not die "Ablösesumme" nicht bezahlen zu können, zumal die in den 1780er Jahren mehrfach erfolgten Missernten dies völlig unmöglich machten.

Betrachten wir die Schulpflicht, ein scheinbar durchaus der Aufklärung geschuldetes Unterfangen: Einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass Kinder im ausgehenden 18.Jahrhundert eine notwendige Hilfe für den bäuerlichen und handwerklichen Betrieb waren, außerdem Schuldgeld zu zahlen war, ist ein Blick auf den Fächerkanon aufschlussreich: "bethen und christliche lehr" sowie der Katechismus standen an oberster Stelle. Daneben sollten auch Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt werden.

Um im folgenden ein paar konkrete Zahlen zu nennen, die die Belastung der Bevölkerung erahnen lassen, sei nur folgendes erwähnt: Während ein "württembergischer Regimentsunterarzt" wie der (später weltberühmte)Schriftsteller  <//span>Friedrich Schiller magere 18 Gulden Monatsgehalt bezog, hätte die von Marianne Von der Leyens Sohn Philipp in Niederwürzbach in Auftrag gegebene Neuphilippsburg nach ihrer kompletten Fertigstellung nach durchaus seriösen Schätzungen wohl um die 750 000 Gulden verschlungen.

Von besonderem Interesse ist darüber hinaus der St. Ingberter Waldprozess, in dem die St. Ingberter BürgerInnen ab 1756 darauf bestanden, ihren Bedarf an Brenn- und Bauholz aus den eigenen umfangreichen Waldungen zu beziehen, gegen die Interessen der neu entstehenden herrschaftlich-leyenschen Kohlegruben und Eisenwerke.

Der Prozess endete nach zweifacher militärischer Intervention mit der Unterwerfungserklärung vom 3.2.1791: "Die Gemeinde St.Ingbert verzichtet für alle Zeiten auf das Eigentumsrecht an sämtlichen auf St.Ingberter Bann gelegenen Waldungen und erkennt als alleinigen Besitzer das Hochgräflich Leyen´sche Haus an."

Immerhin hatten sich im Zuge der Auseinandersetzungen, angefeuert durch das Fanal der Französischen Revolution, am 17.9.1789 neunzehn Gemeinden des Oberamtes Blieskastel zur "Ommersheimer Landschaftsversammlung" zusammengefunden und neben Steuererleichterungen und Freizügigkeit auch die freie Wahl von Bürgermeistern und lokalen Richtern gefordert.

Dieses Ansinnen war von der Gräfin natürlich als "Irrwahn", der "dreist, hndungswürdig, übel, befremdlich" sei, zurückgewiesen worden.

Trotz dieser Niederlagen waren die Ideen der "neuen Zeit" nicht mehr aufzuhalten. Die Bürger wollten nicht mehr unmündige Untertanen, sondern freie Menschen sein! Mit dem unaufhaltsamen Vordringen der französischen Truppen und der Flucht Marianne Von der Leyens endete im Jahr 1793 eine wichtige Episode in der Geschichte unserer Region.

 

Fazit:

Der aufgeklärte Feudalismus des ausgehenden 18.Jahrhunderts erwies sich als unfähig, den berechtigten Lebensinteressen der breiten Bevölkerungsmehrheit gerecht zu werden. Ein zentraler Punkt ist, wie die Geschichte uns auch hier lehrt, das grundlegende Problem des gesellschaftlichen Widerspruchs zwischen privaten Kapitalinteressen, die alle Lebensbereiche der ökonomischen Verwertbarkeit unterziehen wollen und der berechtigten Forderung nach einer gesellschaftlich garantierten Grundsicherung, die in öffentlicher/genossenschaftlicher Hand liegen muss.

 

Bemerkung am Rande:

Der junge Journalist Dr. Karl Marx aus Trier wandte sich nur wenige Jahrzehnte nach dem hier dargestellten Zeitraum in seinen ersten Artikeln genau dieser Frage zu: Er kritisierte vehement die "gesetzliche Lüge gegenüber dem Armen", dem man das Grundrecht verwehre, sein Überleben aus dem seit Urzeiten bestehenden öffentlichen Wald- und Gemeindeeigentum zu sichern.

 

 

Quellen der Darstellung:

 

Ludwig Eid, Marianne Von der Leyen

Ausstellungskatalog "Die Grafen Von der Leyen", 1991

Artikel in "Neue Saarheimat", 1981

Broschüre der Jungsozialisten Blieskastel, 1981

Margit Vonhof-Habermayr, Das Schloß zu Blieskastel

Artikel der Saarbrücker Zeitung vom 21.4.2007

 

 

Dieter Geis