Das saarländische Modell der Gemeinschaftsschule
Gemeinschaftsschulen sind Schulen, in denen Kinder und Jugendliche von der 1. bis zur 10. Klasse bzw. bis zum Abitur unabhängig von ihrer sozialen, kulturellen oder ethnischen Herkunft und vom Geschlecht, unabhängig von einer Religionszugehörigkeit und unabhängig von einer Behinderung gemeinsam mit- und voneinander lernen.
Nach dem PISA- Schock sind die Forderungen lautgeworden, das Schulsystem grundlegend zu ändern. Vor allem mit Blick auf die nordeuropäischen PISA- Gewinner wird in diesem Zusammenhang immer auf den anderen Aufbau der dort so erfolgreichen Schulsysteme verwiesen. Neben den alarmierenden Ergebnissen deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich ist es vor allem die demografische Entwicklung, die eine grundlegende Reform des Schulsystems notwendig macht.
DIE LINKE.Saar will die Trennung zwischen den verschiedenen Schulformen beseitigen. Insgesamt stellt das Nebeneinander von Haupt-, Real und Gesamtschulen sowie den Gymnasien unter pädagogischen und ökonomischen Aspekten eine langfristig unergiebige Lösung dar. Alle Kinder müssen in ihrer Individualität gefördert und zu einem höchstmöglichen Schulabschluss geführt werden. Dazu benötigt das Saarland ein integratives Schulsystem, das alle Kinder gleichermaßen aufnimmt, das individuelle Stärken und Schwächen berücksichtigt, sie ungeachtet der Herkunft fördert und fordert und so besser als bisher auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet:
Die Gemeinschaftsschule.
Um zur Gemeinschaftsschule zu kommen, sind folgende Änderungen im saarländischen Schulwesen notwendig:
Zusammenführung der Bildungsgänge
Die Gemeinschaftsschule nimmt Schüler von der Ersten bis zur Zehnten, bzw. bis zur Dreizehnen Klasse auf.
Die Eingliederung der jetzigen Grundschule in die Gemeinschaftsschule ermöglicht einen reibungsloseren, effektiveren Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe. Erschwert wird dieser derzeit durch die annähernde Verdopplung der Unterrichtsfächer, die Ablösung der lehrenden Bezugspersonen und die ungenügende Abstimmung des Lehrplanes der Sekundarstufe an den der Grundschule.
Es ist notwendig, die Inhalte und Vermittlungsformen des 4. und 5 Schuljahres stärker und deutlicher aufeinander zu beziehen, dies gilt insbesondere für Lehrpläne und Schulbücher. Auch die Möglichkeit eines institutionalisiertes Lehreraustausches ist im Rahmen der Gemeinschaftsschule umsetzbar.
In ihrem Wesen ähnelt die Gemeinschaftsschule der Gesamtschule. Durch die Integration der drei Bildungsgänge (die derzeit an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien praktiziert werden), das möglichst lange Offenhalten der Schullaufbahn und die umfassende Fördermaßnahmen für leistungsschwächere und benachteiligte Schüler und Schülerinnen ist die Gemeinschaftsschule die sozial gerechte und bildungspolitisch effektive Alternative zum traditionellen dreigliedrigen Schulsystem. <//span>Ein integratives Schulsystem kann nicht in Konkurrenz zu einem gegliederten Schulsystem entstehen, sondern muss dieses ersetzen.
Anstatt separater Schulformen wird auf ein differenziertes Kern- Kurs- Unterrichtssystem gesetzt. Erst nach Vollenden der sechsten Klasse (Orientierungsstufe) werden Schüler gemäß ihrer Leistungen in Grund- und Erweiterungskurse aufgeteilt. Ab Klassenstufe 8 kommen Aufbaukurse, auf gymnasialen Niveau, dazu. Flexible Lernformen und auch Geschwindigkeiten werden in einer Gemeinschaftsschule ermöglicht. Ein Wechsel innerhalb des Kurssystems ist einfach.
Räumliche Organisation
Es ist nicht notwenig alle Schulformen einer Gemeinschaftsschule unter einem Dach zu vereinigen. Oftmals sind die räumlichen Kapazitäten für die gemeinsame Unterbringung nicht vorhanden. Jetzige Schulgebäude müssen durch einzelne Klassenstufen besetzt werden. So können beispielsweise die Klassen 5 bis 7 ein Schulgebäude beherbergen, die Klassenstufen 8 bis 10 ein anderes. Dasselbe gilt für die gymnasiale Oberstufe.
Wichtig ist die organisatorische Zusammenführung der Schulformen. Die Gemeinschaftsschule bietet die Möglichkeit die derzeitig unkompatiblen Stundenpläne aufeinander abzustimmen, Schulverwaltungen zu kombinieren und Durchlässigkeit nicht nur von oben nach unten zu gewähren. Vielfalt wird als Chance begriffen.
Dynamik
Die Gemeinschaftsschule ist ein dynamische Schule, die sich in einem andauernden, inhaltlichen Fort- und Weiterentwicklungsprozess befindet. Nur so kann sie auf aktuelle Anforderungen der Gesellschaft reagieren und die Schülerinnen und Schüler adäquat auf kommende Herausforderungen vorbereiten.
Berufsprofilbild des Lehrers
Die Gemeinschaftsschule wird auf Grund wachsendender Aufgaben nicht umhin kommen eine präzise Profilierung des Lehrerberufsbildes vorzunehmen.
Verwaltungsarbeit; Elternarbeit; Korrekturen von Tests, Arbeiten und Hausaufgaben; Unterrichtsvorbereitung und –nachbereitung; Schullandheimaufenthalte; Organisation von Wandertagen, Klassenausflügen; Fortbildungen; die Unmöglichkeit das Alltagsgeschehen hinter sich zu lassen; das Engagement in Arbeitsgemeinschaften etc.- kurzum, die Personen, die die Kinder (die Zukunft) des Saarlandes nachhaltig prägen, stehen unter großer physischer und psychischer Belastung, die weit über das vorgesehene 24- 27 Unterrichtsstunden Pensum hinausgeht.
Derzeit schaffen engagierte Lehrer es oft nicht mehr, einen Ganztagsjob zu bewerkstelligen und können sich auf Grund der vielfältigen Zusatzbelastungen nur als Teilzeitkraft zur Verfügung stellen. Das Berufsbild des Lehrers muss konkret bestimmt werden, wo nötig ist es einzuschränken und auf eine erhöhte Zahl an Lehrern zu delegieren.
Das Personal der Gemeinschaftsschule umfasst neben den Lehrenden technisches Personal, Bibliothekare, Krankenschwester, Sozialarbeiter und Psychologen. Durch deren Einbindung wird das Lehrpersonal entlastet und kann sich auf die eigentliche Lehrtätigkeit verstärkt konzentrieren.
Außerunterrichtliches Engagement muss vermehrt berücksichtigt und in dem transparenten Gesamtkonzept gewürdigt werden.
Dem dynamischen Charakter der Gemeinschaftsschule wird durch eine Vielzahl an aktuellen Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer Rechnung getragen.
Zeitgemäße Unterrichtsformen
Das traditionelle Unterrichtsbild des reinen Frontalunterrichtes ist überholt. Pädagogisch angeleitetes und überwachtes Lernen in der Gruppe, wie bereits an Gesamtschulen üblich, ist eine Methode, die im späteren Arbeitsleben nach Vorstellung der Wirtschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt. Nahezu alle Schüler können aktiv am Unterricht teilnehmen. Sie lernen dabei aufeinander Rücksicht zu nehmen und sich wechselseitig zu unterstützen. An Gemeinschaftsschulen soll die Teamarbeit wie auch die fächer- und altersübergreifende Projektarbeit und verlängerte Unterrichtseinheiten der Regelfall sein.
Die Gemeinschaftsschule als Ganztagsschule
In offenen Ganztagsschulen haben Schülerinnen und Schüler bis ca.13 Uhr Unterricht. Nach dem Mittagessen stehen Hausaufgabenbetreuung, Förderangebote und Freizeitaktivitäten auf dem Programm.
Es (Nachmittagsunterricht auf freiwilliger Basis) nehmen etwa 80 Prozent der Schüler freiwillig an drei oder mehr Tagen an dem Ganztagsangebot der Einrichtungen teil. (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland).
Um trotz des jetzt schon regen Interessens am Nachmittagsangebot eine gewisse Verbindlichkeit zu erreichen muss jeder Schüler eine bestimmte Anzahl an Wahlpflichtstunden des Nachmittagsangebotes absolvieren. Die Bemessung der Wahlpflichtstundenzahl richtet sich nach der Höhe der Klassenstufe, wobei mit zunehmendem Alter die Stundenzahl zu reduzieren ist. Es ist zu beachten, dass die nachmittägliche Ergänzung nicht zu Lasten des erzieherischen Einflusses der Eltern oder der zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit notwendigen Freizeit geht und nicht die psychische und physische Leistungsfähigkeit der Schüler übersteigt.
Die Nachmittagsgestaltung soll durch Förderunterricht in enger Kooperation mit dem jeweiligen fachbetreuenden Lehrer die kommerziellen Nachhilfeangebote erübrigen. In einem breiten Angebot an Arbeitsgemeinschaften, praktischen Ausbildungen (beispielsweise in Kooperation mit Firmen, Altenheimen, Kindergärten etc) wird individuellen Interessen Rechnung getragen und eine umgreifende Förderung von Begabungen ermöglicht. Die Möglichkeiten dieser Art der Selbstverwirklichung wecken, fördern und festigen das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der beteiligten Kinder und Jugendlichen.
Mittagessen:
Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. Nicht nur aus sozialen Gründen muss ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder ein fester Bestandteil des Schulalltages sein.
Sitzenbleiben
Die Gemeinschaftsschule ist auf Erfolg ausgerichtet und nicht auf pädagogisch untaugliches Scheitern durch Sitzenbleiben, Verweis an eine andere Schule oder verfehlte Schulabschlüsse. Jeder Schüler muss durch individuelle Förderung zu einem höchstmöglichen Schulabschluss gebracht werden. Eine mögliche Wiederholung von Klassenstufen bei schwachen Leistungen setzt den Wunsch von Eltern oder Schüler voraus.
PISA hat gezeigt, dass Länder mit „Regelversetzung“ bessere Resultate zu verzeichnen haben, um den Preis intensiver Förderungsmaßnahmen. Gezielte Fördermaßnahmen kosten zusätzliches Geld. Je früher jedoch Leistungsdefizite ermittelt, analysiert und durch Förderungsmaßnahmen angegangen werden, desto größer ist die Chance, dass die betreffenden Schüler Anschluss an den durchschnittlichen Leistungsstand ihrer Altersgenossen gewinnen. Ein auf Förderung ausgelegtes System kann also trotz des Mehraufwandes ökonomisch effizienter sein.
Musisch- künstlerische Bildung
Eine musisch- künstlerische Grundausbildung ist für die Entwicklung der Kinder äußerst wichtig. Sie stellt eine Bereicherung für das gesamte folgende Leben dar. Es gilt, die in jedem Menschen steckenden Begabungen in den Bereichen Kunst, Kultur, Musik zu entdecken und zu fördern.
Sportliche Bildung
Bewegung, Spiel und Sport leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die körperliche, soziale, und emotionale Entwicklungder Schülerinnen und Schüler. Bewegungserfahrungen im Unterricht steigern die Lernbereitschaft, Lernfähigkeit, Teamfähigkeit, das psychosoziale Wohlbefinden, soziale Kompetenzen und können einen Beitrag zur Korrektur von Verhaltensauffälligkeiten leisten.
Der Sportunterricht muss als gleichberechtigtes Unterrichtsfach in den Bildungseinrichtungen, insbesondere in der Schule respektiert werden. Der generelle Ausbau der Kooperation zwischen Sportvereinen und Grundschulen bzw. Kindergärten ist herzustellen, auszuweiten und zu fördern, womöglich in einer regelmäßig stattfindenden Informations- und Vorstellungseinheit für die Vereine.
Yvonne Ploetz
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